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Neue Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) zur Reanimation

Einleitung

Am 22.10.2025 wurden die neuen Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) zur Reanimation publiziert. Wie bereits in den vergangenen  Leitlinien finden sich sowohl aktuelle Zahlen als auch aktuelle Empfehlungen zum Vorgehen in Peri-Arrest-Situationen und bei Herzstillstand für alle Altersgruppen. Neben den Empfehlungen für professionelle Helfer gibt es erstmals auch eine Darstellung für Laien. Die zentralen Aussagen zur Durchführung einer Reanimation werden 2025 weitgehend beibehalten, neue Literatur wird zur Bestätigung der wissenschaftlichen Evidenz aufgeführt. Es gelten weiterhin die Grundzüge: minimale Unterbrechung der Thoraxkompressionen, frühzeitige und ausreichende Oxygenierung sowie frühzeitige Defibrillation.

Methodik

Die Entwicklung der Leitlinien folgte einem transparenten Prozess. Bei der Zusammensetzung der Autorengruppen spielten die Themenbereiche Gleichstellung, Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion eine relevante Rolle. Nachwuchswissenschaftler, Vertreter von Partnerorganisationen sowie Überlebende und Betroffene wurden zur Überarbeitung der Leitlinien eingeladen. Die Öffentlichkeit wurde sowohl bei der Erstellung der initialen Fragen als auch bei Überarbeitung einer ersten Entwurfsversion beteiligt. Die ERC-Leitlinien basieren auf dem kontinuierlichen Prozess des ILCOR (International Liaison Committee on Resuscitation) zur Evidenzbewertung 2022–2025. Für Themen, zu denen es keine ILCOREmpfehlung gab, führten die Autoren eigene Reviews durch. Ergebnisse resultieren aus systematischen Reviews, Scoping Reviews, Evidenz-Updates oder als  Expertenkonsensus.

Epidemiologie

Der ERC betont die Notwendigkeit einer europaweiten Datenbasis zur Bewertung von Versorgung und Outcome. Neben außerklinischem und innerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand werden 2025 auch Low-Resource Settings (Regionen mit geringen Ressourcen) betrachtet [1].

  • Inzidenz außerklinischer Reanimationen 55/100000 Einwohner/Jahr
  • Durchschnittsalter 67 Jahre, 65% männlich, 91% medizinische Ursachen
  • Bei bis zu 25% der Fälle eines „out-of-Hospital cardiac Arrest“ (OHCA) unter 50 Jahren wird eine genetische Ursache vermutet.
  • Quote der Laienreanimation (CPR: kardiopulmonale Reanimation) in Europa: 58% (große Varianz 13–82%)
  • Early Warning Scores und strukturierte Notrufsysteme noch unzureichend verbreitet
  • Low-Resource Settings: Outcome schlechter durch begrenzte Ressourcen
Lebensrettende Systeme

In diesem Kapitel sind Faktoren und Netzwerke beschrieben, die eine erfolgreiche Wiederbelebung über die Kompetenzen einzelner Helfer hinaus unterstützen [2].

  • Die Überlebenskette (Chain of Survival) fasst das komplexe Konzept lebensrettender Systeme in 4 Kettengliedern zusammen. Neben den bekannten Komponenten betont dieses Symbol zusätzlich die Bereiche Prävention, Überleben und Rehabilitation.
  • Die Überlebensformel (Formula of Survival) beschreibt die komplexe Wechselwirkung zwischen Wissenschaft, Ausbildung und Umsetzung.
  • Öffentliche Einflussnahme auf Politikgestaltung soll mittels Aufmerksamkeitskampagnen, Schulungsmaßnahmen und gesetzlicher Regelungen die Überlebenschancen für Patienten nach Kreislaufstillstand erhöhen.
  • Soziale Medien sollen zur Unterstützung genutzt werden.
  • Organisierte Ersthelfersysteme unter Nutzung von Registern für automatisierte externe Defibrillatoren (AED) sollen fester Bestandteil der Versorgungsstrukturen werden.
  • Im Rettungsdienst sollen standardisierte Algorithmen verwendet werden.
  • Rettungsleitstellen sollen systematisch Telefonreanimationen durchführen.
  • Gesundheitssysteme sollen lokale Protokolle zur Entwicklung und Erhaltung eines Netzwerks für Kreislaufstillstand unter Einbindung oder  Einrichtung von Cardiac-Arrest-Zentren etablieren.
  • Die Systemleistung soll überwacht werden.
Basic Life Support (BLS/AED)

Der bekannte Algorithmus bleibt bestehen, jedoch mit einer entscheidenden Reihenfolgeänderung [3]:

  • Prüfen – Sicherheit beachten, Bewusstsein feststellen
  • Rufen – sofort, vor der Atemkontrolle Rettungsdienst alarmieren
  • CPR – BLS/AED durchführen

Diese Änderung soll verhindern, dass Schnappatmung („agonale Atmung“) fälschlich als Lebenszeichen interpretiert wird. Das neue Konzept „3 Schritte, um ein Leben zu retten“ fördert intuitive Anwendung. Eine wichtige Neuerung ist die Einführung eines einheitlichen BLS-Algorithmus
für Erwachsene und Kinder sowohl prä- als auch innerklinisch.

Die sonstigen Empfehlungen beinhalten:

  • Nutzung von Mobiltelefonen mit Lautsprecherfunktion bei Alarmierung, um die zeitnahe Telefon-CPR zu ermöglichen.
  • standardisierte Telefon-CPR durch die Leitstelle
  •  Durchführung hochwertiger Thoraxkompressionen
  • Beatmungen durch geschulte Helfer
  • Verwenden eines automatisierten externen Defibrillators (AED)
Advanced Life Support bei Erwachsenen (ALS)

Dieser Abschnitt enthält Informationen zur Prävention von Kreislaufstillstand und zu erweiterten Behandlungsmaßnahmen bei Kreislaufstillstand außerhalb und innerhalb von Krankenhäusern [4]. Wie in den vorherigen Leitlinien sind Schulungen, Frühwarnsysteme und Teamfaktoren als relevant für den Erfolg von Wiederbelebungsmaßnahmen aufgeführt. Bei Patienten, die jünger als 50 Jahre sind und bei denen ein Kreislaufstillstand unklarer Ursache aufgetreten ist, sollten im Verlauf genetische Testungen erfolgen.

Insgesamt legen diese Leitlinien großen Wert auf intuitiv verständliche Algorithmen, um Anwendung und Schulung zu erleichtern. Neben den aufgeführten BLSMaßnahmen sollen reversible Ursachen unverzüglich behandelt werden. Patienten mit nicht-defibrillierbarem Kreislaufstillstand
sollen frühzeitig Adrenalin i. v. erhalten, bei defibrillierbarem Rhythmus muss frühzeitig defibrilliert werden. Eine Empfehlung für die „double Sequence Defibrillation“ konnte aufgrund der vorliegenden Daten nicht ausgesprochen werden. Im Gegensatz dazu zeigen die vorliegenden Daten eindeutig, dass eine korrekte Elektrodenplatzierung zu einem höheren Defibrillationserfolg beiträgt. Bei ausbleibendem Defibrillationserfolg nach 3 Schocks wird der Wechsel zur anterior–posterioren Elektrodenposition empfohlen [4].

Weitere Empfehlungen beinhalten:

  • ▪ Point-of-Care-Ultraschall kann durch qualifizierte Untersucher eingesetzt werden, um reversible Ursachen zu diagnostizieren.
  • Invasive Blutdruckmessung und Kapnografie sind geeignet, die Qualität der durchgeführten Wiederbelebungsmaßnahmen zu beurteilen.
  • Mechanische Thoraxkompressionen sollten nur in Betracht gezogen werden, wenn hochwertige manuelle Thoraxkompression nicht praktikabel sind oder die Sicherheit des Anwenders gefährdet ist.
  • Extrakorporale CPR mit venoarterieller extrakorporaler Membranoxygenieren (VA-ECMO) erhält höheren Stellenwert bei geeigneter Infrastruktur.
Special Circumstances bei Erwachsenen

Dieses Kapitel beschreibt, wie Wiederbelebungsmaßnahmen bei Herz-Kreislauf-Stillstand unter besonderen Umständen (Special Circumstances) angepasst werden müssen [5]. Es gliedert diese Krankheitsbilder in 3 Hauptgruppen. Allen gemein ist das Erfordernis, vom universellen ALS-Algorithmus abzuweichen oder diesen zu modifizieren. ▶Tab. 1 führt die Empfehlungen für einzelne Krankheitsbilder auf.

Postreanimationsbehandlung

Die Empfehlungen zur Postreanimationsbehandlung wurden gemeinsam durch das ERC und die European Society of Intensive Care Medicine (ESICM) erarbeitet. Die Postreanimationsbehandlung beginnt unabhängig vom Ort unmittelbar bei anhaltender Rückkehr des Spontankreislaufs
(ROSC; Return of Spontaneous Circulation). Patienten mit STEMI oder starkem Verdacht auf eine Koronarstenose (hämodynamische/elektrische Instabilität) sollten sofort eine perkutane Koronarintervention (PCI) erhalten. Nicht-koronare Ursachen sollen frühzeitig mittels transösophagealer
Echokardiografie (TEE) und/oder Ganzkörper-CT identifiziert werden. Patienten sollten nach dem ABCDE-Schema (A: Atemwege – B: Beatmung – C: Kreislauf – D: neurologisches Defizit – E: Exploration) versorgt werden [6].

Zielgrößen sind:

  • SaO2 94–98%
  • PaO2 10–13 kPa
  • etCO2 (endtidales CO2) 4,7–6,0 kPa
  • MAP (mittlerer arterieller Blutdruck) 60–65 mmHg
  • Temp. ≤ 37,5 °C

Die weitere Diagnostik und Therapie orientierten sich an den vorliegenden Befunden. Medikamentöse Prophylaxe ist mit Ausnahme einer Stressulkusprophylaxe nicht indiziert. Eine Prognoseerstellung sollte multimodal erfolgen. Für Überlebende und deren direktes Umfeld werden erweiterte Nachsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen empfohlen. Bei einer zeitnahen Nachuntersuchung (ca. 3 Monate) sollte ein Screening auf kognitive, körperliche und emotionale Probleme, Müdigkeit und Auswirkungen auf die Lebensführung erfolgen.

Newborn Life Support (NLS)

Bei jedem Säugling können bei der Geburt Probleme auftreten. Die Geburt soll von einem interprofessionellen Team begleitet werden, das für das zu erwartende Risiko eine angemessene Erfahrung und Qualifikation im Bereich NLS verfügt. Für jede Geburt soll ein Plan zur schnellen Mobilisierung zusätzlicher Teammitglieder mit adäquaten Reanimationskenntnissen vorliegen [7].

Als Schlüsselmaßnahmen wurden Temperaturkontrolle, Atemwegssicherung und Beatmung beibehalten. Idealerweise soll bei allen Geburten nach dem Belüften der Lungen und vor der Gabe von Uterotonika verzögert abgenabelt werden. Die erste Beurteilung sollte so bald wie möglich nach der Geburt durchgeführt werden, idealerweise während des verzögerten Abnabelns, Trocknens und Wärmens, um den Bedarf an Unterstützung  und/oder Reanimationsmaßnahmen festzustellen. Erweiterte Maßnahmen sollten nicht durchgeführt werden, bevor die Atemwege frei und die Lungen entfaltet sind. Thoraxkompressionen sind nur bei ausreichender Lungenbelüftung effektiv. Adrenalin wird bevorzugt über den  Umbilikalvenenkatheter appliziert.

Paediatric Life Support

Diese Kapitel beschreibt Basismaßnahmen, erweiterte Maßnahmen, die Postreanimationsbehandlung sowie die Therapie spezieller Umstände bei Kindern. Der Kreislaufstillstand bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen ist häufig eine Folge von zunehmendem Atem- oder Kreislaufversagen
oder neurologischen Notfällen. Daher sind die Erkennung und die richtige Behandlung von kritisch kranken Kindern nach wie vor die beste Möglichkeit, einen Kreislaufstillstand zu verhindern. Untersuchung und Behandlung des kritisch kranken Kindes erfolgen nach dem ABCDE-Schema. Zur Behandlung von Bolusgeschehen werden bei Kindern neben Rückenschlägen Oberbauchkompressionen im Wechsel empfohlen [8].

In der Reanimationssituation erfolgen Basismaßnahmen für nicht in PBLS geschulte Helfer nach dem BLS-Algorithmus. Peadiatric Basic Life Support (PBLS) geschulte Helfer beginnen mit 5 initialen Beatmungen und führen die Wiederbelebung im Verhältnis 15:2 (Kompressionen zu Beatmungen) fort. Bei Atemkontrolle und Beatmung soll auf die korrekte Kopfposition geachtet werden. Thoraxkompressionen sollten auf einer festen Unterlage durchgeführt werden, die Drucktiefe sollte mindestens ein Drittel des anterior–posterioren Durchmessers des Brustkorbs betragen. Die Empfehlungen zu Drucktechniken nach Altersgruppe sind unverändert. Erweiterte Reanimationsmaßnahmen folgen den Empfehlungen für Erwachsene mit altersentsprechenden Anpassungen für Beatmung und Medikamentengabe. Adrenalin wird in einer Dosis von 10 μg/kg, bis zu einer Maximaldosis je Bolus von 1 mg gegeben, Amiodaron in einer Dosis von 5 mg/kg, max. 300 mg oder Lidocain 1 mg/kg, max. 100 mg.

Ausbildung

Ziel ist ein nachhaltiger Wissenstransfer, bei dem die Anwendungskompetenz im Vordergrund steht. Der Erfolg hängt wesentlich von der Umsetzung durch Ausbildungszentren und nationale Bildungssysteme ab. Mit den vorliegenden Leitlinien verschiebt sich der Fokus von der  Technikvermittlung zur Optimierung der Lernprozesse [9].

  • ▪ Mit der Reanimationsausbildung soll frühzeitig bereits bei Kindern begonnen werden.
  • Für verschiedene Zielgruppen sollen maßgeschneiderte Trainingsprogramme entwickelt werden.
  • Technologiegestützte Lernmethoden, „spaced Learning“ und „rapid Cycle deliberate Practice“ können als zusätzliche Methoden in der Lehre eingesetzt werden.
  • Kognitive Hilfsmittel können gezielt eingesetzt werden, sollen die Ausbildung aber nicht überfrachten.
  • Simulation bleibt zentraler Baustein des Kompetenzaufbaus.
Ethik

Die Leitlinien des ERC zur Ethik in der Reanimation 2025 bieten evidenzbasierte Empfehlungen für die ethische Praxisroutine der Reanimation und Sterbebegleitung von Erwachsenen und Kindern [10]. Adressaten sind medizinisches Personal, Forschende, Ausbildende, aber auch Betroffene
und deren Angehörige. Ziele sind eine Orientierungshilfe bei Entscheidungen in kritischen Situationen, Unterstützung gemeinsamer Entscheidungsfindung sowie Förderung von Transparenz und Gerechtigkeit. Neben der vorausschauenden Behandlungsplanung nach patientenzentrierter Aufklärung wird auch die Einbindung von Angehörigen, Zeugen und First Respondern berücksichtigt. Ethik in Ausbildung und Forschung wird als Querschnittsthema etabliert.

Zusammenfassung

Die ERC-Leitlinien 2025 setzen auf:

  • evidenzbasierte, pragmatische Empfehlungen mit klarer Fokussierung auf Überleben und neurologischem Outcome
  • Standardisierung und Vereinfachung der Algorithmen
  • Stärkung von Ethik, Prävention und psychosozialen Faktoren

Die ERC-Leitlinien 2025 bilden damit ein zusammenhängendes, europaweit anwendbares Konzept moderner Reanimationsversorgung – von der Laienhilfe bis zur Intensivmedizin.

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